Turtle 2.0

Das System der Turtle-Trader

Die Turtle-Trader sind sehr bekannt und die Geschichte soll hier nicht erneut wiedergegeben werden. Wer die Turtles allerdings nicht kennt, kann z.B. bei Wikipedia näheres erfahren. Diese Gruppe von extrem erfolgreichen Tradern hatte zwei Erfolgsrezepte, nämlich ein sehr gutes, auf Volatilität beruhendes Money-Management und ein einfaches, aber effektives Trendfolgesystem. In diesem Artikel wollen wir uns lediglich auf das System und die Frage konzentrieren, aber dieses heute immer noch funktioniert. Der ursprüngliche Ansatz wurde hauptsächlich auf einem Portfolio von Commodities angewendet, getradet wurde auf Tagescharts. Da es sich um einen Trendfolgeansatz handelt ist man halt auf starke Trends angewiesen und daher wurden viele verschiedene Underlyings gleichzeitig gehandelt um keinen starken Trend zu verpassen. Die Trefferquote ist entsprechend klein, aber der durchschnittliche Nettoprofit entsprechend hoch.

Funktioniert es heute noch?

In späteren Jahren hat Linda Raschke den sogennanten Turtle-Soup-Ansatz veröffentlich, was oftmals als Zeichen gewertet wurde, dass das Turtle-System nicht mehr profitabel ist. Dies ist aber gar kein Widerspruch, sondern nutzt lediglich die niedrige Trefferquote aus.
Die Frage ist daher also, ob so ein einfacher Ansatz wie er im folgenden beschrieben wird, auch heute noch funktionieren kann.

Turtle 2.0
Regeln des Turtle-Systems

Die Regeln (ohne Money-Management) sind schnell beschrieben: Kaufe, wenn der Kurs über dem höchsten Kurs der letzten 20 Tage notiert und verkaufe die Position wieder, wenn der Kurs unter dem tiefsten Kurs der letzten 10 Tage notiert. Für Short gilt dies umgekehrt und das ist auch schon alles.  Wir haben hier also ein typischen Breakoutsystem zur Trendfolge vorliegen.

Die Daten und Underlyings

Als Datenbasis für die Untersuchungen dienten Future- bzw. FX-Kurse. Es wurden zwei Rohstoffwerte, zwei Indizes und zwei Währungspaare getestet. Die Daten wurden ab 2008 genommen, da seit diesem Zeitpunkt die Kurse in sofern vergleichbar sind, dass alle auf elektronischen Märkten gehandelt wurden. Es wurden zur Vergleichbarkeit immer ein Future bzw. 1 Lot FX gehandelt. Die fiktive Kontogröße betrug 100.000 $.

Abb. 1

Das kommt dabei heraus

Das Ergebnis ist recht gemischt. Die beiden Rohstoffe sollten eigentlich beide funktionieren, da die Turtle-Trader schließlich auf Commodities gehandelt haben. Dies ist aber nur in Bezug auf Öl der Fall, während Gold ein negatives Ergebnis zeigt. Die Indizes kommen erwartungsgemäss daher. Der FDAX als typischer Trendfolgemarkt ist positiv, während der S&P500 als typischer Mean-Reversion-Markt erwartungsgemäß nicht funktioniert. Auch bei den Forex-Paaren zeigt der starke Trendmarkt (AUDJPY) ein positives und der Mean-Reversion-Markt (EURUSD) ein negatives Ergebnis. Alle Ergebnisse s. Abb. 1.

Um ein klareres Bild zu erhalten müsste man daher weitere Märkte analysieren und hier insbesondere die Rohstoffwerte stärker beachten. Trotzdem kann nicht allgemein behauptet werden, dass dieses System auf den heutigen, elektronischen Märkten gar nicht mehr funktioniert.

Turtle 2.0

Mit einer ganz leichten Anpassung auf heutige Märkte wird das Ergenis eindeutiger (s. Abb. 2).
Statt das tiefste Tief (Long) bzw. höchste Hoch (Short) über 10 Tage als Exit zu wählen wurde hier eine Periode von 20 Tage gewählt – also wird die Periode für Ein- und Ausstieg gleich gesetzt. Wir haben somit im Prinzip ein System vor uns, das immer im Markt engagiert ist, da das Exit der einen Richtung gleichzeitig das Entry der anderen Richtung ist.

Die Ergebnisse verbessern sich in allen Märkten, außer den Währungen. Trotzdem sind nun beide Rohstoffe deutlich positiv und auch der AUDJPY verdient immer noch Geld. Der FDAX ist von den reinen Performancewerten her nun sogar handelbar geworden und der S&P500 ist nur noch ganz wenig im Minus.

Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten, dass man mehr handelbare Märkte finden würde und mit diesen Einstellungen plus einem guten Money-Management Geld verdienen kann.

Abb. 2

Abb. 3

Nur im Portfolio handelbar

Die Turtle-Trader haben ihr System auf eine größere Anzahl von Underlyings angewendet, wozu man im Futurehandel eine Menge Geld auf dem Konto haben sollte. Das Handelssystemportfolio ist allerdings notwenig, da Märkte zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten ein starkes Trendverhalten zeigen. Wie in Abb. 3 zu sehen ist, würde selbst ein Portfolio von zwei Märkten (hier Gold und Öl) die Performancekurve bereits glätten. So war im Öl 2019 ein kleiner Verlust zu verzeichnen, während Gold ganz klar Geld verdient hat. Auch die Drawdownkurven lassen vermuten, dass ein Portfolio diverser Underlyings den Gesamt-Drawdown verringern sollte.

Für wen ist dieses System geeignet?

Wer so einen Trendfolgeansatz handeln will sollte in der Lage sein, eine niedrige Trefferquote auszuhalten. Trendhandel gilt als sehr gewinnträchtig, aber einigen grossen Gewinnen stehen viele kleinere Verluste gegenüber – sicherlich nicht jedermanns Sache. Um das Turtle-Prinzip auf viele Future-Märkte anzuwenden sollte das Konto sicherlich mit einem 6 oder gar 7-stelligen Betrag ausgestattet sein. Allerdings sind in der heutigen Zeit auch Alternativen denkbar. In CFDs dürften die Swap-Kosten zu hoch sein, aber mit Zertifikaten o.ä. sollte das System eventuell nachstellbar sein.

Andere Timeframes

Erste Versuche haben gezeigt, dass dieser Ansatz unverändert auch im Stunden-Chart zu Gewinnen führt. Die beiden Rohstoffe, der FDAX und der AUDJPY  bleiben klar positiv und sogar der S&P500 dreht ins Plus. Allerdings muss man bedenken, dass alle Tests ohne Slippage und Gebühren getestet wurden. Es sind daher sicherlich weitere Test notwendig, wenn man auf anderen Timeframes als dem Tageschart handeln will.

Fazit

Das Turtle-System mag auf modernen, elektronischen Märkten nicht mehr so effektiv sein, wie zu den Glanzzeiten der Turtle-Trader. Dennoch ist das System immer noch profitabel und mit leichten Anpassungen auf heutige Marktcharakteristika auch anwendbar.

Es ist zu erwarten, dass zusätzliche Filter das System – zumindest im Backtest – weiter verbessern werden. Dies sollte aber nicht Gegenstand der Frage sein, inwiefern das ursprüngliche System heute immer noch funktioniert. Selbst bei einem so simplen System gibt es daher sicherlich noch sehr viel zu testen um das Ganze eventuell an die eigenen Bedürfnisse anzupassen.


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